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Biblical Faith
Die "Granville-Sharp-Regel"
Einige versuchen, durch die sogenannte “Granville-Sharp-Regel“ zu belegen, dass Titus 2,13 und 2. Petrus 1,1 Jesus GOTT nennt. Granville Sharp war ein englischer Theologe, Philanthrop und Verfechter der Dreieinigkeitslehre. Er begann, die Grammatik des Neuen Testaments zu studieren, um zu zeigen, dass Jesus Christus GOTT ist. In seinem 1798 veröffentlichten Werk “Remarks on the Uses of the Definitive Article in the Greek Text of the New Testament, Containing Many New Proofs of the Divinity of Christ“ stellte Sharp sechs Regeln für die Verwendung des bestimmten Artikels im Griechischen vor, von denen eine als sogenannte “Granville-Sharp-Regel“ bekannt geworden ist. Während meist nur auf die erste Regel Bezug genommen wird, bleiben die Regeln zwei bis sechs unbeachtet. Dass diese angebliche Grammatikregel zur Zeit des Apostels Paulus bereits existierte, ist nicht nachweisbar. Bevor eine Grammatikregel akzeptiert und eingesetzt wird, sollte sie getestet und verifiziert werden. Nur weil jemand eine “Regel“ erstellt, ist diese nicht automatisch richtig.
In seinem Studium des Neuen Testaments erklärte Sharp:
Wenn im Griechischen zwei unterschiedliche Personen durch das Wort und (altgr.: καί) verbunden sind und der ersten Person der bestimmte Artikel der / dieser (altgr.: ho) vorausgeht, so ist es nicht zwingend notwendig, den bestimmten Artikel vor der zweiten Personengruppe zu wiederholen. In diesem Fall bezieht sich das letztere Substantiv immer auf dieselbe Person, die durch das erste Substantiv beschrieben wird. Mit anderen Worten: Dann handelt es sich um eine nähere Beschreibung der zuerst genannten Person.
ho (= der) + Substantiv + kai (= und) + Substantiv = eine Person
Damit diese Regel anwendbar ist, musste Sharp bestimmte Kategorien von Substantiven aus der Regel ausnehmen:
1. unpersönliche Substantive
2. Substantive im Plural
3. Eigennamen
Umgekehrt bedeutet dies: Damit Sharps Regel gilt, müssen die Substantive persönlich, im Singular und gebräuchlich sein. Da Titus 2,11-13 und 1. Petrus 1,1 f. auf den ersten Blick dem von Sharp dargelegten Muster folgen, kam er zu dem Schluss, dass die Titel GOTT und Erlöser sich auf ein und dieselbe Person beziehen müssen; in diesem Fall auf Jesus Christus. Dies wertete Sharp als Beweis für seine theologische Überzeugung in Bezug auf die Gottheit Christi. Hierzu gibt es jedoch mehrere Einwände:
Im klassischen Griechisch war die Wiederholung des Artikels nicht zwingend notwendig, um sicherzustellen, dass die Elemente getrennt betrachtet werden. Auch in der Bibel kann der zweite Artikel weggelassen werden, ohne dass die beiden Substantive sich auf ein- und dieselbe Person beziehen, wenn der Autor weiß, dass seine Leser einen Unterschied zwischen den Subjekten erkennen. Da der Apostel Petrus in beiden Briefen konsequent zwischen GOTT und Jesus unterscheidet, ist diese Bedingung erfüllt. Denn durch das Weglassen des Artikels würde keine Unklarheit zwischen Jesus und GOTT in den Köpfen der Leser entstehen. Daher kann er problemlos weggelassen werden. Eine weitere Ausnahme liegt dann vor, wenn zwei oder mehrere Substantive ihrer Natur nach miteinander absolut unvereinbar sind. Auch dies ist bei GOTT (= Schöpfer) und Jesus (= Mensch) der Fall.
Es ist auch erwähnenswert, dass Sharp sich für eine Änderung von acht Versen im Neuen Testament einsetzte, die Jesus aus seiner Sicht als unseren GOTT bezeichnen würden. Dazu gehören u.a. 2. Thessalonicher 1,12 oder 2. Timotheus 4,1 Doch etliche deutsch- und englischsprachige Bibelausgaben sind den Vorschlägen Sharps – mit Ausnahme von 1. Petrus 1,1 f. und Titus 2,11-13 – nicht gefolgt. Stattdessen blieben sie bei ihrer Übersetzung, bei der GOTT und Jesus Christus eindeutig voneinander unterschieden werden. Dies zeigt, dass Sharps “Regel“ keine grammatikalische Gesetzmäßigkeit darstellt. In Offenbarung 1,17 f. finden wir ein gegenteiliges Beispiel. Hier wird zweimal der Artikel der (altgr.: ho) für dieselbe Person gebraucht statt auf zwei verschiedene Personen. Dies verdeutlicht zusätzlich die Flexibilität der griechischen Sprache.
Weitere Ausnahmen aus der Bibel finden sich in den nachfolgenden Beispielen:
Sprüche 24,21: Mein Sohn, fürchte den HERRN und (den) König und menge dich nicht unter die Aufrührer
Johannes 11,19: Viele Juden aber waren zu Marta und (zu) Maria gekommen
Vermutlich diente Sharp Epheser 5,5 als Anlass für die Konstruktion seiner Regel. Dort heißt es: in dem Reich Christi und GOTTES. Aus dem Artikel, der vor Christus eingefügt und vor GOTT weggelassen wird, schloss Sharp, dass sich beide Namen auf dieselbe Person beziehen müssen. Daher gab er den Vers mit “im Reich Christi, unseres GOTTES“ wieder. In GOTTES künftigem Reich werden Gerechtigkeit und Friede sein. Christus sagte, dass die Sanftmütigen die Erde besitzen werden (Matthäus 5,5). Das künftige Königreich, das auf der Erde errichtet wird, hat in der Bibel viele Namen. Es wird Königreich des Himmels (Matthäus 4,17) und Königreich GOTTES (Markus 1,15) genannt. Im Vaterunser (Matthäus 6,10) nannte Jesus es Dein Reich (d.h. Reich des Vaters), ebenso wie in Matthäus 13,43. Darüber hinaus nannte Jesus es auch sein eigenes Königreich (Lukas 22,30). Kolosser 1,13 spricht vom Königreich Seines geliebten Sohnes. GOTTES Reich ist das Reich des Vaters. Der Mensch war von Anbeginn an dazu berufen, GOTTES Reich zu erben und zu besitzen. Das Land Kanaan, das GOTT Seinem Volk Israel zum ewigen Besitz versprach, sollte ein Bild für das künftige, weltumfassende Königreich GOTTES sein. Da Jesus sündlos war, ist er der rechtmäßige Erbe. Ihm hat GOTT das Reich vermacht, sowie allen, die durch den Glauben an Jesus zu Miterben seines Reiches geworden sind. Sharps voreingenommene Übersetzung von Epheser 5,5, 1. Petrus 1,1 f und Titus 2,11-13 ist unbegründet und als Beweis für Jesu Göttlichkeit ungeeignet.
Tatsache ist, dass in solchen Passagen, in denen es in der griechischen Konstruktion eine gewisse Unklarheit darüber zu geben scheint, ob Jesus mit GOTT gleichgesetzt wird oder nicht, nicht allein die Grammatik den entscheidenden Faktor darstellt. Hier gilt es zu beachten, dass das Neue Testament den Titel GOTT (altgr.: theos) an über 500 Stellen eindeutig und ausschließlich auf den Vater bezieht. Darüber hinaus wird (der) GOTT konsequent von Jesus Christus unterschieden. Für Jesus hingegen wird der Titel der Herr / unser Herr (altgr.: kyrios) verwendet. Wenn (der) GOTT verwendet wird, ist davon auszugehen, dass die Autoren des Neuen Testaments den Vater im Sinn haben, außer wenn der Kontext dem widerspricht. Dies ist jedoch an keiner Stelle im Neuen Testament der Fall. Daher muss jede Passage mit einer mehrdeutigen grammatikalischen Konstruktion, die den Titel GOTT entweder dem Vater oder Jesus Christus zuschreiben könnte, zugunsten des Vaters entschieden werden. Alles andere stellt keine seriöse Exegese (= Auslegung eines biblischen Textes), sondern vielmehr eine Eisegese dar (= Textauslegung, bei der etwas in den Text hineininterpretiert wird, das nicht darin steht oder gemeint war).
Die Regel von Granville Sharp ist eine mechanische Konstruktion, die einem Satz Bedeutung verleiht, ohne anderen wichtigen Elementen wie Kontext sowie weiteren sprachlich-grammatikalischen Merkmalen Beachtung zu schenken. Daher kann sie – wenn überhaupt – als nur bedingt gültig betrachtet werden. Als Beleg für die Gottheit Jesu kommt sie jedenfalls nicht in Frage.
siehe Kommentar zu...
Titus 2,13:
unseres großen GOTTES und Heilands, Jesus Christus
2. Petrus 1,1 f.:
unseres GOTTES und Heilands Jesus Christus